Jedes Jahr sterben weltweit 30 Millionen Menschen an den Folgen von Hunger und Unterernährung. Experten fordern daher eine radikale Wende in der Agrarpolitik. Umstritten ist, welche Rolle dabei künftig die Gentechnik spielen soll.
Montag Morgen, kurz vor fünf Uhr. Sechs Öko-Aktivisten zerstören ein streng bewachtes Feld mit gentechnisch verändertem Weizen in Gatersleben. Die genmanipulierten Pflanzen wurden hier trotz vieler Expertenproteste ausgesät. Die lange vorbereitete Zerstörungsaktion soll gewaltlos verlaufen, ein freies Kamerateam filmt die Akltivisten dabei. Nach knapp einer halben Stunde werden sie von der Polizei verhaftet. Es drohen ihnen Klagen wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung.


Die Gentechnikgegner riskieren für ihre Überzeugung Kopf und Kragen. Traditionell angebaute Agrarpflanzen in unmittelbarer Nachbarschaft könnten durch die genveränderte Aussaat kontaminiert werden. Lea Hinze von der Initiative "Gendreck weg!" fürchtet irreversible Schäden durch den genmanipulierten Weizen: "Kein Mensch kann sagen, wie das weitergeht. Und es ist völlig unverantwortlich, so etwas freizusetzen, wenn das nicht zu Ende erforscht ist."
Gentechnische Manipulation von Saatgut - ein Fluch oder hilft sie doch gegen den Hunger in der Welt? Angesichts einer dramatischer Nahrungsmittelkrise, die gerade weltweit zu Hungersrevolten führt, wird viel über Ursachen und Lösungen gestritten. Viele Politiker sehen die Gentechnik als Ausweg aus der Nahrungskrise.

Auch Wissenschaftler wie Dorothea Bartels, Pflanzengenetikerin an der Universität Bonn, halten die Nutzung genmanipulierter Pflanzen für dringend notwendig. "Die Gentechnik wird sicher nicht den Hunger beseitigen, sondern sie wird einen Baustein dazu liefern, um zu helfen, Nahrungsmittel bereitzustellen", glaubt Bartels.

Doch es gibt auch Warnungen vor einem "Weiter so" bei der Nutzung der Gentechnik. Robert Watson, Direktor des Weltagrarrates, fordert gemeinsam mit 400 Experten aus 30 Ländern in dem gerade veröffentlichten Abschlussbericht eine Wende in der Agrarpolitik. Er kritisiert die Versprechen der Agrarindustrie. Die Genmanipulation habe "eindeutig nicht die Erwartungen der letzten 20, 30 Jahre erfüllt". Versprochen worden seien höhere Produktivität und mehr nahrhafte, vitaminreiche Nahrungsmittel. Natürlich habe es Fortschritte gegeben, sagt Watson, "aber, ehrlich gesagt, längst nicht so wie behauptet".
Ein Beispiel dafür ist der Anbau von genverändertem Soja in Südamerika: Die Agrarproduktion sei zwar stark ausgeweitet worden, aber - so die Kritik des Weltagrarrates - zu einer Abnahme der Armut habe sie kaum geführt. Denn das Saatgut ist patentiert und teuer, der Pestizideinsatz hat oft schädliche Folgen.
Der Weltagrarrat warnt vor allem vor den Gefahren der Biotechnologie für die Entwicklungsländer. Heimische Pflanzen drohten zu verschwinden, lokale Anbaupraktiken würden aufgegeben. In Indien zum Beispiel sollen sich bereits viele Kleinbauern umgebracht haben, weil sie sich für patentiertes Saatgut und die dazugehörigen Pestizide hoch verschuldet hatten.

Gerade die Kleinbauern, meint Lea Hinze von "Gendreck weg!", seien nicht in der Lage, jedes Jahr die Patentgebühren und die Lizenzen zu bezahlen. So blieben am Ende nur die exportstarken großen Konzerne übrig mit ihren Monopolen. "Ich kann mir nicht vorstellen", sagt Hinze, "wie das für die Welternährung sorgen soll." Für sie und ihre Mitstreiter ist das Grund genug, kompromisslos gegen die Gentechnik zu kämpfen - auch gegen die wissenschaftlichen Freilandversuche in Gatersleben, die sie mit ihrer Aktion zerstörten.

Für die Forscher ist die Vernichtung der genmanipulierten Weizenpflanzen nach sechsjähriger Vorarbeit ein herber Rückschlag. Andreas Graner, der Leiter der Genbank von Gatersleben befürchtet, dass der Versuch nicht mehr auswertbar ist und im nächsten Jahr wiederholt werden muss. Die damit verbundenen Kosten lägen, so Graner, im sechsstelligen Bereich. Den Freilandversuch jedoch will das Institut auf jeden Fall zu Ende führen - notfalls auch im Ausland.
Die Erkenntnisse der Wissenschaftler und Erfahrung der Farmer will der Weltagrarrat unter Direktor Robert Watson zusammenzubringen. Experten halten eine Rückkehr zu natürlichen und nachhaltigen Produktionsweisen für zwingend. "Wir müssen die Produktivität erhöhen, aber umweltfreundlich und sozial verträglich", bringt Watson die Botschaft des Weltagrarrat-Berichts auf einen Nenner.
Das ist auch das Interesse von Lea und ihrer Aktivistengruppe. Ihre Motive mögen ehrenwert sein, doch sie überschreiten eindeutig rechtliche Grenzen. Doch Lösungen müssen schnell gefunden werden. Denn schon jetzt hungern weltweit 850 Millionen Menschen. Und es werden täglich mehr.