Achteinhalb Jahre war Natascha Kampusch eine Gefangene im Kellerverlies. Ihre Geschichte bewegte, ihr Leben, ihre verlorene Jugend werden immer wieder ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gezerrt. Ermittlungspannen, Spekulationen und Verschwörungstheorien machen die Runde. ML über den fragwürdigen Umgang mit dem Leben der Natascha Kampusch.

Fast jeder kennt ihr Gesicht und die Bilder zu ihrem Fall. 1998 als Kind entführt, konnte sich Natascha Kampusch erst Jahre später als junge Frau von ihrem Peiniger befreien. Die Wiener Staatsanwaltschaft rollt derzeit den Kampusch-Fall neu auf. Eventuelle Ermittlungspannen damals und die Frage nach einem möglichen zweiten Täter sollen geklärt werden. Natascha Kampusch ist also wieder in den Schlagzeilen: In Österreich gehen mittlerweile viele Menschen mit ihr, dem Opfer, hart ins Gericht: Sie sei kein Opfer, habe sich nicht selbst als Opfer dargestellt, sondern schlüpfe eher in die Starrolle, bekommt man auf der Straße zu hören.
Dem Journalisten Christoph Feurstein hat Natscha Kampusch in dieser Woche ein Interview gegeben, ohne Geld dafür erhalten zu haben, sagt er. In diesem Interview, das im ORF ausgestrahlt wurde, beklagt die 21-Jährige zunehmende Anfeindungen in der Öffentlichkeit. Drei Jahre später, so scheint es, steht Natascha Kampusch, das Entführungsopfer, noch immer unter Verdacht, nicht offen genug und lückenlos alle Fragen zu ihrem Fall beantwortet zu haben.

Im Interview sagte Kampusch: "Die Anfeindungen der einfachen Leute auf der Straße, das setzt mir sehr zu. Und ich komm' mir vor wie bei einem Spießroutenlauf." Auf Feursteins Frage, welche Anfeindungen das seien, sagte sie: "Ich hab' zum Beispiel in einem Chatroom von jemandem gehört: Mach Dich nicht immer so wichtig. Deine Fresse hält schon keiner mehr aus. Und das ist schon irgendwie belastend für mich."
Christoph Feurstein berichtet darüber hinaus: "Sie hat mir erzählt, dass sie im Sommer in einem Eissalon war, und dass ihr die Leute wirklich 'Lügnerin' nachschreien oder eben sie solle doch endlich verschwinden, man könne ihr Gesicht nicht mehr sehen und sie nerve nur noch. Ich weiß auch, dass es ihr sehr schwer fällt, mit der U-Bahn zu fahren und sich dem auszusetzen."

Warum kann das Opfer nicht als Opfer leben? Weshalb muss sich die junge Frau dauernd rechtfertigen? Für die Psychiaterin Dr. Sigrun Rossmanith verliert jedes Opfer irgendwann den Mitleidsbonus, je länger es medial präsent bleibt: "Es gibt einen medialen Overkill, so dass der einfache Bürger sich letztlich abwendet, weil er das Leid miterlebt hat und alles andere ihn eigentlich nicht mehr interessiert."
Journalist Feurstein hat den Fall Natscha Kampusch all die Jahre begleitet. Für die Öffentlichkeit sei Natascha Kampusch deshalb kein akzeptables Vorzeige-Opfer, sagt er, weil sie für sich entschieden hat, nicht öffentlich zu weinen und keine sexuellen Details ihrer Gefangenschaft preiszugeben: "Ich habe aber den Eindruck, dass eben alle darauf gewartet haben, sie wollten ganz klar benannt haben, hier war Sex und wie er am besten stattgefunden hat, wie oft und wie weh es getan hat oder wie schön es war oder wie auch immer."

Viele hätten ihn, Feurstein, oft gefragt, warum Kampusch Österreich nicht verlasse. Im ORF-Interview sagte sie dazu: "Ich habe mir das schon öfters überlegt, aber ich bin zu dem Schluss gekommen: Warum sollte ich klein beigeben? Warum sollte ich als Verbrechensopfer und als Mensch, dem man schon so viel genommen hat im Leben, warum sollte ich klein bei geben und die Flucht ergreifen? Sollen doch bitte die anderen die Flucht ergreifen."
Das letzte Kapitel seines Buches hat Christoph Feurstein dem Kampusch-Fall gewidmet: "Opfer und was wir von ihnen erwarten", lautet es. "Sie hat achteinhalb Jahre Gefangenschaft gehabt, und sie hat jetzt seit drei Jahren diesen Wahnsinn, der kein Ende nimmt und ja, das ist beklemmend." Ihr Leben nach der Entführung sei immer noch kein Leben in Freiheit, sagt der Journalist. Für ihn ist Natascha Kampusch nach der Tat zum zweiten Mal Opfer.