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19. März 2010
 

ML Mona Lisa

 
sonntags, 18.00 Uhr
AKW Gundremmingen.
AKW Gundremmingen

ML Mona Lisa

Kinder, Krebs und Kernkraftwerke

Umstrittene neue Studie - Betroffene fühlen sich alleine gelassen

Das Bundesamt für Strahlenschutz schockierte Anfang Dezember die Öffentlichkeit: Eine neue Studie hat wissenschaftlich bewiesen, dass Kleinkinder, die in der Nähe von Atomkraftwerken leben, viel häufiger an Leukämie erkranken als anderswo. Aber radioaktive Strahlung käme als Ursache nicht in Frage, so die Studienleiterin. Für die betroffenen Familien ein Hohn.

 
 
 
 

Jonathan war vier alt, als er an Leukämie erkrankte. Für seine Eltern, seine Mutter, die selbst Ärztin ist, und seine Geschwister war es eine traumatische Erfahrung. Von einer Minute zur nächsten wurde das bisherige Leben, die ganze Sicherheit in Frage gestellt, meint Jonathans Mutter Dr. Tanja Merk: "Es ist eine lebensbedrohende Erkrankung und man denkt am Anfang, überlebt das mein Kind oder überlebt es nicht?" Ein Jahr Krankenhaus, drei Chemotherapien, 14 Rückenmarkspunktionen und mehrere Operationen hat Jonathan bisher hinter sich.

Dr. Tanja Merka.
Dr. Tanja Merk

Zusammenhang bestätigt

Doch die Krankheit bedroht nicht nur das Leben der Familie Merk. Im Umkreis ihres Wohnortes Donauwörth beobachtet die Ärztin eine beunruhigende Häufung an kindlichen Leukämienfällen: "Mir fiel in der Klinik als auch dann zu Hause auf, dass es im engeren Umkreis, wenige Kilometer um unser Haus und um unseren Wohnort relativ viele Kinder gibt, die im Jahresrhythmus erkranken." Gundremmingen, das größte deutsche Kernkraftwerk, ist nur 45 Kilometer entfernt. Besteht zwischen diesem Kernkraftwerk und der Erkrankung der Kinder ein Zusammenhang? Diese Vermutung wird durch eine neue Studie des deutschen Kinderkrebsregisters bestätigt.

 

Vom Bundesamt für Strahlenschutz in Auftrag gegeben, hat die Studie "Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken" KIKK an 16 Standorten der insgesamt 22 Kernkraftwerke in Deutschland untersucht, ob in ihrem Umfeld ein höheres Krebsrisiko für Kleinkinder besteht und kommt zu folgendem Ergebnis: "Unsere Studie hat bestätigt, dass in Deutschland ein Zusammenhang zwischen der Nähe der Wohnung zum nächst gelegenen Kernkraftwerk (...) und dem Risiko, vor dem fünften Geburtstag an Krebs bzw. Leukämie zu erkranken, beobachtet wird."

 
Prof. Maria Blettner.
Prof. Maria Blettner

Zynisches Ergebnis

Eine klare Aussage, sollte man meinen. Im gleichen Atemzug wird von der verantwortlichen Leiterin der Studie, der Mainzer Epidemiologin Prof. Maria Blettner vom Kinderkrebsregister Mainz jedoch radioaktive Strahlung von Reaktoren als Krankheitsursache ausgeschlossen: "Die Strahlenmengen im Normalbetrieb von Kernkraftwerken sind um ein Zehntausendfaches geringer als die Strahlung, der wir alle im normalen Alltag ausgesetzt sind. Deswegen stehen wir vor einem Rätsel, welche Ursachen hier eine Rolle spielen." Und schließlich, so heißt es weiter, würden "mehr Menschen im Straßenverkehr umkommen als durch die Leukämie" und weiter heißt es sogar, "die Strahlung im Flugzeug sei wesentlich höher als die im Umkreis eines Kernkraftwerks."

 

Der Auftraggeber der Studie, das Bundesamt für Strahlenschutz, bezeichnet diese Äußerungen mit Blick auf die betroffenen Eltern als zynisch. Renommierte Wissenschaftler sprechen gar von einer Verharmlosung der möglichen Gefahren. Selbst das einberufene Expertengremium zur Begleitung der Studie äußert harsche Kritik an der Interpretation der Mainzer Professorin. "Wir haben das Kernkraftwerk als Quelle dieser erhöhten Kinderkrebsrate beziehungsweise Kinderleukämierate identifiziert. Jetzt zu sagen, das hat womöglich nichts mit dem Kernkraftwerk zu tun, das geht natürlich nicht" so der Physiker Alfred Körblein, der zum Expertengremium der KIKK-Studie gehörte.

Prof. Eberhard Greiser.
Epidemiologe Prof. Eberhard Greiser

Warum wurden Daten nicht veröffentlicht?

Im engen Fünf-Kilomter-Radius hatte Blettner insgesamt nur 29 Fälle von Kinderleukämie festgestellt. Alles, was außerhalb dieser Zone lag, wurde jedoch vom Kinderkrebsregister vernachlässigt. Für Wissenschaftler wie Prof. Eberhard Greiser, Epidemiologe und auch Mitglied des Expertengremiums, ist es unverständlich, "dass Frau Blettner feststellt, dass jenseits einer Entfernung von fünf Kilometern überhaupt keine Erhöhung des Krankheitsrisikos mehr wäre." Das sei skandalös, urteilen die Wissenschaftler in seltener Einigkeit. "Wenn man das Ganze korrekt berechnet, das heißt bis zu 50 Kilometern, kommt man zu Werten, die weiter darüber liegen, nämlich zwischen 121 und 275 Kindern", so Greiser.

 

Unverständnis der Expertenkommission auch darüber, dass die Autorin der Studie sehr wohl diese Daten zur Hand hatte, aber sie nicht veröffentlichte. Für Greiser stellt sich da die Frage, wo der Übergang zwischen einer solchen Täuschung und der Fälschung eigener Studienergebnisse liege. Ob die Kernkraftwerke tatsächlich die Leukämien verursachen, darüber streiten nun auch die Politiker im Bundestag. Das Umweltministerium hat weitere Untersuchungen angekündigt.

Familie Merk beim Brettspiel.
Familie Merk

Betroffene fühlen sich allein gelassen

Handeln jetzt, untersuchen später, fordern dagegen die "Internationalen Ärzte gegen den Atomkrieg" IPPNW. Man müsse sich jetzt einfach um diese Menschen kümmern, die in der Umgebung der Werke krank würden. Denn bis heute ist völlig ungeklärt, ob und wie schädlich die aus dem Reaktorkamin austretende Niedrig-Strahlung für den kindlichen Organismus ist. Es besteht also dringender Handlungsbedarf.

 

Obwohl an den Daten der zwei Millionen Euro teuren Studie nicht zu rütteln ist, gehen die Auseinandersetzungen zwischen Atomkritikern und -befürwortern schon wieder weiter. Bei den betroffenen Familien herrscht Verbitterung. Sie fühlen sich allein gelassen im Widerstreit der Interessen. Denn, so meint Dr. Tanja Merk: "Wenn ich nicht bereit bin, die Ergebnisse zu akzeptieren, die eine Studie liefert, warum gebe ich sie dann in Auftrag? Warum spare ich mit dann nicht dieses Geld und sage ganz offen, es interessiert uns eigentlich nicht, aus welchen Gründen die Kinder erkranken."