Dominik Brunner stellte sich als einziger Fahrgast in der Münchner S-Bahn schützend vor von zwei Jugendlichen bedrohte Kinder. Der 50-Jährige begleitete sie auf den Bahnsteig, wo er von den Jugendlichen zu Tode geprügelt wurde. 15 Fahrgäste sollen Zeugen der sich anbahnenden Attacke gewesen sein. Aber niemand griff ein und unterstützte den Helfer.
Der Fall hat nicht nur bundesweit Entsetzen ausgelöst, sondern auch den Ruf nach mehr Zivilcourage laut werden lassen. Viele Menschen sind verunsichert und fragen sich, ob sie in einer ähnlichen Situation tätsächlich eingreifen sollten, ob sie Fremden helfen sollen, wenn sie dabei riskieren, ihr Leben zu verlieren.

Peter Meding zeigte Courage, als er vor eineinhalb Jahren in der S-Bahn beobachtete, wie junge Männer Jugendliche attackierten. Damals wurde ein Junge geschlagen und am Hals gepackt. Peter Meding wollte helfen, wandte sich an andere Fahrgäste, aber niemand reagierte. Trotzdem griff Peter Meding mutig in das Geschehen ein und wurde zusammengeschlagen. Er erlitt eine schwere Gehirnerschütterung und mehrere Brüche. Heute ist der 50-Jährige durch die Folgen der Attacke arbeitsunfähig und verschuldet. Trotzdem würde er wieder so couragiert handeln.
Dominik Brunner wäre wohl noch am Leben und Peter Meding nicht so schwer verletzt worden, wären die beiden Helfer nicht alleine gelassen worden. Umfragen zeigen, dass viele Zivilcourage zwar verbal unterstützen, sich in der Praxis jedoch aus Angst passiv verhalten oder wegsehen. "Angst ist ein berechtigtes Gefühl", so der Tübinger Friedensforscher Prof. Günther Gugel. "Deshalb ist es wichtig, Zivilcourage in kleinen Alltagsgegebenheiten anzufangen und zu lernen: Zum Beispiel der Widerspruch, das Nicht-Mitlachen, wenn ein rassistischer Witz erzählt wird, oder einen Vorgesetzten auf Missstände aufmerksam machen. Es gibt viele Alltagsgegebenheiten, die laufend passieren, wo man keinerlei Gefahr eingeht, wenn man Courage zeigt."

Gewalttätige Jugendlichen haben große Probleme mit Autoritäten, entweder weil sie unter extremer Autorität und Gewalt gelitten haben oder überhaupt keine Autorität erlebt haben. Viele jugendliche Täter sind vaterlos aufgewachsen oder haben den Vater als Versager erlebt. Werner Makella arbeitet seit über sechs Jahren mit gewalttätigen Jugendlichen in dem Projekt "Work and Box Company" und betreut ausschließlich so genannte Härtefälle, also Jugendliche, die wegen Körperverletzung, Nötigung, Diebstahl und Drogendelikten vorbestraft sind. Er kennt Verhalten und Gefühle dieser Jugendlichen genau. Um aggressive Jugendliche zu beschwichtigen, rät Makella, die Rolle der "guten Eltern" einzunehmen und nicht verurteilend zu reagieren.
"Wenn ich mit dem moralischen Zeigefinger auf so jemanden zugehe oder sofort mit der Polizei drohe, provoziere ich. Und wenn ich jemanden provoziere, der emotional schon im 'Gewaltflash' ist, lenke ich dessen Gewalt auf meine Person. Und das sollte man tunlichst vermeiden." Besser sei, einen persönlichen Kontakt zu dem Jugendlichen herzustellen, Verständnis zu zeigen und da, wo man das Verhalten nicht verstehen kann, zu fragen: Warum machst Du das? Lass doch gut sein, das ist doch schon mehr als genug. Dabei gehe es nicht darum, für Gewalt oder aggressives Verhalten Verständnis zu zeigen, sondern darum die Situation zu deeskalieren.
Wer helfen wolle, solle sich aber sofort zusätzliche Helfer suchen, rät Makella. Oftmals hilft das reine Ansprechen von Passanten oder Fahrgästen allerdings nicht. "Ich habe immer wieder erlebt, dass es wichtig ist, den Menschen in die Augen zu schauen, sie tief anzusprechen, also nicht oberflächlich, sondern die Not mitzuteilen und zu sagen: Ich brauche sie jetzt. Die Menschen dabei zu berühren und anzufassen, das hilft auch", so Makella. Wer angefasst werde, sage selten nein.
Rupert Voß (Initiator der Work and Box Company)
unter Mitabeit von Sibylle Dietermann:
Herzschlag. Mein Engagement für Menschlichkeit
Kösel-Verlag, 2009
ISBN 978-3-466-30842-2