Bin ich das Kind meines Vaters?
Yelka Schmidt: Meine Welt brach zusammen
Rund ein Prozent der Kinder, die in Deutschland geboren werden, sind so genannte Kuckuckskinder, das heißt, sie stammen nicht von dem Mann ab, den sie für ihren Vater halten. So eine Studie, die 2012 die Zeitschrift "Human Nature" veröffentlichte. Plötzlich zu erfahren, nicht genetisch miteinander verwandt zu sein, wie man es jahrelang geglaubt hatte, ist für die betroffenen Kinder und Väter oft der Beginn einer tiefgreifenden Identitätskrise.
Eigene Geschichte neu schreiben
Yelka Schmidt hatte 29 Jahre lang ein gutes und herzliches Verhältnis zu ihren Eltern. Bis sie einen Abstammungstest machte und feststellt: Sie ist nicht mehr das Kind ihres Vaters, der immer unterstützend an ihrer Seite stand, den sie innig liebt. Ihr biologischer Vater wusste von ihr, sie kennt ihn, doch eine Beziehung zu ihm hat sie nicht. Zu dem Mann aber, der all die Jahre für sie gesorgt hat, ist der Kontakt noch inniger geworden. Warum ihre Mutter jahrelang gelogen hat, darauf wünscht sich Yelka Schmidt immer noch eine Antwort. Die Zweifel um ihre Identität hat Yelka Schmidt zu einem Lebensthema gemacht, sie schreibt als Co-Autorin in einem Blog für Kuckuckskinder- und Scheinväter, im dem all die Fragen geäußert werden, die sich auftun, wenn die eigene Lebensgeschichte neu geschrieben werden muss.Warum verschweigen Frauen den heimlichen Vater? Kann jeder seine Abstammung einfach so testen lassen? Welche rechtlichen Voraussetzungen gibt es? Darüber haben wir mit Dr. Hildegard Haas, Vorstandvorsitzende des Genlabors "Genedia in München gesprochen, die sich seit Jahren mit dem Thema Kuckuckskinder beschäftigt.Interview mit Dr. Hildegard Haas
ZDF: Warum ist es für einen Menschen so wichtig, zu wissen woher er kommt?
Dr. Hildegard Haas:Das Wissen, wer die leiblichen Eltern sind, woher man kommt, gibt einem eine Verankerung im Leben. Dass die Familienverhältnisse nicht so sind, wie man es erlernt hat, kann für die betroffene Person sehr schmerzhaft sein und eine psychische Instabilität hervorrufen, bis hin zu einem Identitätsverlust. Diese Menschen geraten ins Taumeln weil sie nicht mehr wissen: Wer ist jetzt meine Familie? Wo gehöre ich denn eigentlich hin? Habe ich vielleicht noch Halbgeschwister? DNA verbindet. Ich meine damit, wenn man Wurzeln im Sinne seiner genetischen Herkunft hat, sind diese nicht nur über die DNA gegeben, sondern beruhen auch auf der ganzen Erscheinung des Menschen, nicht nur äußerlich sondern auch in seiner Psyche, in seinem Empfinden und seinem Selbstwertgefühl.
ZDF: Wie fühlen sich Kinder, wenn sie herausfinden, dass der Vater nicht der eigene ist?
Dr. Hildegard Haas:Wenn sie beispielsweise Geschwister haben, sagen viele, dass sie sich wie Außenseiter innerhalb der Familie fühlen, die ihnen vorher psychisch Stabilität verschafft hat. Sehr oft suchen sie dann nach einer Neuorientierung. Wir haben auch schon Situationen erlebt, dass die betroffene Person die anderen Geschwister aufgefordert hat, auch noch einen Vaterschaftstest durchführen zu lassen. Wenn dann ein Geschwisterkind auch von dem neuen leiblichen Vater stammt, gab das den Betroffenen eine starke Stabilität in ihrer neuen, veränderten Familiensituation. Eine betroffene 30-jährige Frau sagte dann, jetzt habe sie wieder eine neue Familie. Da merkt man auch, wie wichtig die genetischen Wurzeln wirklich für die Menschen sind.
ZDF: Welche Reaktionen zeigen Väter, deren Vaterschaft ausgeschlossen wurde?
Dr. Hildegard Haas:Das ist individuell, denn es hängt von der Beziehung ab, die der Mann zu der Frau hatte. Wenn er etwa das Kind auch gewollt hat und dann von der Vaterschaft ausgeschlossen wird, ist er sehr traurig. Ein Mann wünscht sich genauso, sich fortzupflanzen, wie eine Frau gerne schwanger werden will. Wenn er vielleicht gar nicht der Vater sein möchte und ihm ein Kind untergeschoben wird, ist er dann konzentriert er sich auf die Auseinandersetzung mit der Frau, in der das Kind eigentlich ein Mittel wird, um den Konflikt mit der Frau auszutragen.
ZDF: Welche Motive haben denn Frauen, den biologischen Vater zu verschweigen?
Dr. Hildegard Haas:Schwieriges Thema. Ich würde sagen, die Frau möchte sehr gerne schwanger werden und da gibt es unterschiedliche Mittel und Wege. Sie kann das mit ihrem Partner gemeinsam besprechen, sie kann aber auch sagen, ich will schwanger werden, egal von wem. Und heute haben Frauen ja die Möglichkeit, alle diese Dinge in ihrem Leben zu leben. Die Motive sind aus meiner Sicht sowohl beim Mann als auch bei der Frau gleich: Beide möchten sich fortpflanzen, weil sie dann ihr Erbgut weitergegeben haben und einen Nachkommen haben, mit dem sie ihre Beziehung leben können. Aber da gibt es dann unterschiedliche Lebenskonzepte, eine Frau sagt zum Beispiel, ich will gar nicht mit dem Mann zusammenleben, aber ich bin froh, dass ich das Kind habe.
ZDF: Hat die Partnerwahl der Frau, wie in einigen Studien behauptet, auch etwas mit ihrem Zyklus zu tun?
Dr. Hildegard Haas:Ich spreche hier von sogenannten Kurzzeit- und Langzeitversorgern. Der Kurzzeitversorger ist der, der das Kind zeugt und der Langzeitversorger ist der Mann, der die Frau dann begleitet und vielleicht sogar auch das Kind materiell unterstützt in dem Glauben, dass er der Vater ist. Dazu gibt es Studien, die belegen, dass ein Seitensprung der Frau häufiger in der Zeit der Fruchtbarkeit vorkommt. Es stellt sich daher die Frage ob es eine biologische Programmierung für den Seitensprung gibt. Also Hauptsache, sie wird schwanger und das muss nicht immer vom Ehemann sein. Was die Frau da motiviert, prägt oder genetisch bestimmt, dazu müssen noch viele Studien vorgenommen werden, glaube ich.
ZDF: Wie oft lässt sich bei Vaterschaftstests die Vaterschaft bestätigen oder ausschließen?
Dr. Hildegard Haas:Die Personen, die zu uns kommen, zweifeln ja schon an der Vaterschaft. Das heißt, sie repräsentieren den Teil der Bevölkerung, die die Vaterschaftsfeststellung wünschen. Von diesen Männern ist etwa jeder Vierte nicht der biologische Vater, so ein internationaler Wert aus den Laboren. Aber dieser Wert ist nicht mit der Bevölkerung gleichzusetzen. Da spielt die persönliche Situation der Betroffenen eine Rolle, und diese ist sehr unterschiedlich. Manche sind verheiratet, mache sind nicht verheiratet, manche leben schon getrennt, da gibt’s ganz viele individuelle Situationen.
ZDF: Finden Sie, dass in Bezug auf Vaterschaftstests die Interessen von Vätern und Müttern gleich behandelt werden?
Dr. Hildegard Haas:Ich würde mir den heimlichen Vaterschaftstest wünschen. Dass heißt, dass sowohl die Mutter, als auch den mögliche Vater sowie das Kind das Recht auf das Wissen um die eigene Herkunft bekommt. Das Recht des Mannes, im Rahmen der Vaterschaftstestung wurde sogar stärker reglementiert, da er jetzt das Einverständnis der Kindesmutter benötigt, um diesen Test überhaupt durchführen zu dürfen, wenn es sich um ein noch minderjähriges Kind handelt. Der muss einen Rechtsanwalt kontaktieren, der dann die Kindesmutter auffordert, mit dem Kind eine Speichelprobe für diese Untersuchung abzugeben. Wenn er aber doch einfach nur wissen möchte, ob es sein Kind ist, wäre es doch besser, wenn er dieser Fragestellung erstmal privat nachgehen könnte. Wenn festgestellt wurde, das ist sein leibliches Kind, dann wird er aufgrund dessen auch eine Entscheidung für sein Leben treffen. Etwa juristisch, wenn er wirklich der leibliche Vater ist. Und wenn jemand nicht der leibliche Vater ist, er aber das Kind schon eine Zeitlang mit großgezogen hat, sollen ihm die Rechte an der Vaterschaft wieder entzogen werden, nur weil er nicht der leibliche Vater ist? Das Gleichgewicht ist nicht in Ordnung und da finde ich, ist das Recht der Männer noch nicht genügend verankert.
Ich finde das Gesetz sehr frauenorientiert. Das heißt die Frauen können das Kind bekommen, ohne den Vater anzugeben, wenn sie selbst, auch materiell, für das Kind aufkommen. Es kann dann also sein, dass das Kind ohne Vater aufwächst und auch erst Volljährigkeit das Recht hat, zu erfahren wer der Vater ist. Meiner Meinung nach wäre es jedoch besser, wenn nicht nur die Rechte der Männer noch gestärkt würden sondern auch die des Kindes, weil das Kind auch ein Recht hat, zu wissen woher es kommt und da spielt der Vater nun mal eine ganz wichtige Rolle.
ZDF: Bekommen Sie denn Fälle, wo Kinder zu Ihnen kommen, die nicht die nötigen Einverständniserklärungen haben?
Dr. Hildegard Hass:Ja, es gibt Fälle. Ich spreche jetzt immer von erwachsenen Kindern, weil nur die als Auftraggeber für uns in Frage kommen. Es gibt Kinder, die durch die Einbeziehung der Geschwister einen indirekten Weg beschreiten, weil das Gendiagnostikgesetz von ihnen verlangen würde, dass sie ihren Vater fragen, ob er mit der Untersuchung einverstanden ist. Wenn aber ein Geschwisterteil mitmacht um festzustellen, ob sie Vollgeschwister, Halbgeschwister oder gar nicht miteinander verwandt sind, können sie das, ohne den Vater überprüfen lassen. Das ist, aus meiner Sicht ein intelligenter Weg, den die Betroffenen für sich gefunden haben, doch der Fragestellung der Vaterschaft ohne Einverständnis des Vaters nachzugehen.
"Es ist doch nicht mein Kind"
Auch Mikos Welt wurde aus den Angeln gehoben: Er ist doch nicht der stolze Vater eines heute dreijährigen Jungen. Von Anfang an, so sagt er, wurde er betrogen. Für die Beziehung zur Mutter des Jungen gab Miko Haus und Job in Südafrika auf und zog nach Bremen. Vater zu sein, sagt er: "Das sind wahnsinnige Gefühle, das ist so wunderschön, ich kann es nicht beschreiben. Es ist das Schönste, was ich bis jetzt in meinem Leben gehabt habe." Doch die Mutter des Kindes trennt sich von ihm, versucht zu verhindern, dass er den Kleinen weiter sieht. Misstrauisch geworden, ließ er die Abstammung testen. Das Ergebnis: Seine Vaterschaft ist praktisch ausgeschlossen. Zu der ungeheuren seelischen Verletzung kommt die Last, die Vaterschaft anfechten zu müssen. Denn auch wenn Miko nicht der leibliche Vater ist, so muss er für das Kind zahlen, solange er als dessen rechtlicher Vater gilt. Aber er hat kein Recht mehr, das Kind zu sehen.Gendiagnostik-Gesetz
Das Abstammungsgutachten, auch Vaterschaftstest genannt, dient zur Feststellung der Verwandtschaft zwischen zwei Personen.
Wie wird der Abstammungstest durchgeführt?
Die DNA-Analyse ist die modernste und sicherste Methode des Abstammungstests und wird per Speichelprobe durchgeführt.
Was bedeutet DNA-Analyse?
Im Chromosomensatz des Menschen wird eine Hälfte des Chromosoms von der Mutter und eine vom Vater vererbt. Das heißt, wenn in den DNA-Strängen der Chromosomen Merkmale auftauchen, die nicht beim Vater auftauchen, kann eine Vaterschaft ausgeschlossen werden.
Wann darf ein Abstammungstest durchgeführt werden?
- Wenn alle betroffenen Personen in die Untersuchung eingewilligt haben.
- Bei minderjährigen Kindern muss die Mutter des Kindes die Einwilligung geben.
- Die Untersuchung von bereits verstorbenen Personen ist nicht mehr erlaubt.


